Hassliebe Hydra

Ein hoher, nackter Felsrücken hebt sich vor dem östlichen Finger des Peloponnes aus dem Meer: Die Insel Hydra.

20 Kilometer lang, 3,5 Kilometer breit, 590 Meter hoch, 2800 Einwohner, 3500 Katzen, 40 Esel, 2 Autos,1 Müllwagen, ungefähr 175 000 Übernachtungen jährlich, etwa 350 - 500 000 Tagestouristen pro Saison, Tendenz steigend.

Hydra ist kahl bis auf ein Pinienwäldchen rund um den höchsten Gipfel. Es ist eine wasserlose Insel. 2 mal täglich kommt ein Tankschiff mit 400 000 Litern Trinkwasser vom nahegelegenen Festland, um die Wasservorräte der Insel wieder aufzustocken.

Hydra hat den schönsten Hafen Griechenlands.

Wie ein buntbemaltes Amphitheater umschließt der Ort das kleine Hafenbecken, das Bühne und Tribüne zugleich ist.

Man fühlt sich am Liegeplatz als Darsteller einer burlesken Komödie und sitzt gleichzeitig auf dem Logenplatz eines gigantischen Theaters.

Die Kulisse ist wirklich kolossal!

Windmühlen, Kapitänshäuser, Prunkvillen, Fischerkaten, Klöster, Kapellen, Kirchen, Cafés, Bars , Restaurants - Teile eines meisterhaften Szenenbildes!

Nur dasitzen und schauen. Stundenlang, tagelang.

Die Beschreibung aus Henry Millers "Der Koloß von Maroussi" von 1939 ist heute noch genauso zutreffend wie damals vor 54 Jahren:

" Die Stadt, die in Form eines Amphitheaters um den Hafen ansteigt, ist makellos. Es gibt nur zwei Farben. Blau und Weiß, und das Weiß wird jeden Tag bis zum Straßenpflaster frisch getüncht. Die Häuser sind noch kubischer angeordnet als in Poros. Vom ästhetischen Standpunkt aus ist es vollkommen, ist es der Inbegriff einer fehlerfreien Anarchie, sie alles aufhebt, da sie alle herkömmlichen Anordnungen der Phantasie einschließt und darüber hinausgeht."

Hydras einstige Bewohner waren Piraten - wilde, für ihre Tollkühnheit bekannte Männer, die 1821 wesentlich zum Erfolg des griechischen Freiheitskampfes beigetragen hatten. Ihre Nachfahren lebten vom Handel, Fischfang und dem Schwammtauchen.

Nicht Kalymnos, wie allgemein angenommen, war die einstige Hochburg der Schwammtaucher, sondern es ist Hydra, das dieses Attribut für sich beanspruchen kann. Mit Erfindung des synthetischen Schwammes Anfang der Fünfziger Jahre wurde der Inselbevölkerung die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Auf der Suche nach einer neuen Existenzgrundlage wanderten viele aus nach Amerika oder gingen nach Athen. Der Exodus führte beinahe zur Entvölkerung der Insel. Die wenigen, die blieben, lebten weiterhin mehr schlecht als recht vom Fischfang.

Dann entdeckten einige neue Fangmethoden und neue Köder, die ihnen viel dickere Fische ins Netz gehen ließen: Die Touristen.

1951 wurde die erste Bar in Hydra eröffnet. Mit dem allmählichen Ausbau des Fährverkehrs begann diese neue Einnahmequelle zu sprudeln , und heute leben über 80 % der Inselbewohner vom Tourismus.

Die Fische gingen, die Touristen kamen.

Manch kleiner Fischer hat längst sein Kaiki umgebaut zum Ausflugsboot, die Netze gegen quäkende Lautsprecher ausgetauscht, aus denen pausenlos griechische Volksweisen dudeln. Es ist um so vieles leichter und einfacher , Touristen umherzufahren, als bei Wind und Wetter nachts rauszufahren, um auf Fischfang zu gehen, ganz abgesehen davon, daß man mit den Spazierfahrten wesentlich mehr Geld verdienen kann als mit den paar Fischen.

Die besten Liegeplätze für Jachten befinden sich gleich rechts hinter der Hafeneinfahrt. Von hier aus hat man nicht nur den besten Rundblick, sondern auch relative Ruhe in der Nacht und - Wasseranschluß!

Es gibt einen "inoffiziellen" Hafenmeister namens Gianni, der nicht zu übersehen ist:

Freistilringerfigur, Rauschebart, Sonnenbrille mit runden Gläsern, Tätowierungen auf den riesigen Oberarmen. Mit seinem roten Ruderboot ist er überall im Hafen anzutreffen. Wie aus gut unterrichteter Quelle verlautet wird, soll er einer der wohlhabendsten Männer des Ortes sein, was ein ziemlicher Widerspruch zu seinem freakigen Outfit ist.

Gianni ist ein sehr hilfsbereiter Mensch. Wo immer es Ankersalat gibt, und den gibt es täglich mehrmals , ist er zur Stelle und hilft, insbesondere, wenn es unter der Besatzung gutaussehende weibliche Mitglieder gibt.

Gianni ist auch der Wassermann des Hafens. Mit einem endlos langen Schlauch versorgt er die Jachten mit dem hier so kostbaren Naß. Doch wehe, man wagt es, vor seinen Augen mit dem Schlauch zu duschen oder das Deck abzuspritzen! Sofort knickt er den Schlauch ab und man bleibt auf dem Trockenen sitzen. Dies ist um so verständlicher, wenn man weiß, daß Hydras Wasserprobleme vom hohen Verbrauch durch den Tourismus kommen. Je nachdem, welche Nase Gianni gefällt und welche nicht, richten sich auch seine Wasserpreise. Man tut also gut daran als Skipper , sich mit diesem Unikum Hydras gutzustellen!

Wir mußten in Hydra noch nie Liegegebühren bezahlen, weder früher auf Chartertörn, noch jetzt mit Peregrin. Natürlich gibt es Skipper, die es nicht erwarten können, die Bordkasse bei der Hafenbehörde zu erleichtern, damit stoßen sie aber dort nur auf kopfschüttelndes Unverständnis, denn die Ruhe suchenden Beamten werden durch diesen pingeligen Jachtie ja zum "Arbeiten" gezwungen!

Ich weiß nicht, wieviele Filme ich auf Hydra schon verknipst habe.

Sie ist nun einmal die fotogenste Insel, die ich kenne. Immer wieder tauchen neue Motive auf, obwohl ich an gleicher Stelle, nur mit anderem Licht oder anderem Vordergrund schon einmal ein Bild gemacht habe. Schlendert man durch die zahlreichen Gassen der Oberstadt, bieten sich einem an jeder Ecke wieder neue Ein - und Ausblicke auf das Hafenbecken, oder eine besonders hübsch bepflanzte Hausecke, oder einen malerischen Treppenaufgang. Den schönsten Blick hat man von der alten Windmühle, die auf dem nördlichen Hügel über der Stadt steht. Hat man Geduld, das immer steiler werdende Licht der untergehenden Sonne abzuwarten, so kommt man bestimmt zu einem "big shot".

Hydra ist auch eine Insel zum Wandern. Es gibt kaum Straßen sondern Maultierpfade, die rund um die Insel und zu einsamen Buchten an der Südküste führen. Besondere Attraktionen für Besucher, die gut zu Fuß sind, sind die Klöster der Insel. Allen voran das auf dem Gipfel des höchsten Inselberges gelegene Elias - Kloster, das zudem inmitten des einzigen zusammenhängenden Waldstückes des Insel liegt. Weiter westlich davon warten noch weitere, kleinere Klöster auf interessierte Besucher.

Hydra ist vom Charakter her eher eine Kykladeninsel. Der kubische Baustil der Häuser , die karge Vegetation, sie schroffen, nackten Felsrücken - sie hat all die typischen Merkmale jener zentralägäischen Inseln. Und doch liegt sie hier in direkter Nachbarschaft zum grünen, fruchtbaren Peloponnes. Vielleicht ist es auch mit dieser Kontrast, der ihre Attraktivität ausmacht.

Hydra ist das St. Tropez der Ägäis. Es ist eine Insel der Maler, der Künstler, der Schriftsteller, der Musiker, vor allem aber ist sie eine Insel der Exzentriker. Man trifft hier auf die merkwürdigsten und skurrilsten Typen, die alle eines gemeinsam haben: Sie leben schon lange, zu lange, wie sie sagen, auf dieser Insel.

"Wir leiden unter der Entwicklung, die Hydra durchgemacht hat, leiden unter dem, was Hydra heute ist - eine Prostituierte. Für Geld kannst du hier alles haben. Früher gab es noch Ehrlichkeit, Vertrauen, Zusammenhalt unter den Einheimischen. Man half sich gegenseitig durch die harten Zeiten. Dann kam der Tourismus und mit ihm das Geld, das viele Geld. Alte Freunde wurden zu erbitterten Feinden, Kinder überwarfen sich mit ihren Eltern, Nachbarn wurden sich spinnefeind. Traditionshäuser alter Kapitäne wurden verkauft, aus ihnen wurden Nightclubs. Die Fischerhäuser um den kleinen Fischerhafen wurden von reichen Juwelenhändlern aus Athen aufgekauft, um Gold - und Andenkengeschäfte einzurichten - die Ponte Vecchio von Hydra. Es gibt kein Traditionsbewußtsein mehr, die alten Sitten verfallen, Geld regiert die Szene und bestimmt das Handeln. Hat der Nachbar einen neuen Fernseher, muß man auch einen haben - einen besseren natürlich. Trägt die Frau des Bekannten einen neuen Ring, muß man seiner Frau auch einen kaufen - mit größerem Stein. Was, du hast noch kein Handy? Lebst du hinter dem Mond? Hast du gehört, der hat sich schon wieder ein neues Motorrad gekauft! 100 PS! Wo will er denn die ausfahren hier auf den Insel?? Intrigen, Korruption, Neid bestimmen den Umgang miteinander. Oh Hydra, mein Hydra, Du Insel der Götter, was ist bloß aus Dir geworden! Mein Herz weint große Tränen des Schmerzes, die zu Kieseln an Deinen Stränden erstarren..."

Diese Worte stammen von Konstantinos, dem Nachfahren einer großen hydriotischen Familie, die seit Generationen hier auf der Insel lebt, Erbe mehrerer Häuser und Restaurantbesitzer. Trotz seiner Gehbehinderung durch einen Tauchunfall hegt und pflegt er sein altes, traditionelles Kaiki, eine "Braciera", mit Hingabe.

Ich traf ihn dabei, ging ihm etwas zur Hand, und so kamen wir ins Gespräch. Seine Augen wurden weit und füllten sich mit Tränen, als er so erzählte.

Er war noch Schwammtaucher gewesen wie sein Vater, dann kam sein Unfall und er mußte mit dem Tauchen aufhören. Auch er stieg ins Tourismusgeschäft ein und ist heute einer jener zahlreichen Griechen, die mit ihrer Haßliebe zu den Touristen leben müssen, ein widersprüchliches Verhältnis, welches heute mehr denn je die Haltung der Griechen zum Tourismus kennzeichnet.

Nur sehr wenig ist von der ursprünglichen und unvoreingenommenen Xenophilie der Hellenen geblieben, der offenen Freundlichkeit, die nicht an Erwartungen geknüpft ist. Tritt man heute mit einer Bitte an einen Griechen heran, so kann es einem schon passieren, daß man Unwilligkeit, ja sogar verächtlicher Herablassung begegnet, es sei denn, man zückt die Brieftasche.

Welch ein Schicksal spricht aus Konstantinos Worten! Welch Liebe zu seiner Insel, wie sie einmal war und wie sie nie wieder sein wird.

Wo einst eine auf alten Traditionen beruhende Lebensgemeinschaft ihr gutes Auskommen mit dem Handel von Naturschwämmen hatte, wird heute gnadenlos abgezockt. Längst sind es nicht mehr in erster Linie die Nachkommen jener legendären Schwammtaucher, die hier das Sagen haben, sondern die Cliquen investitionsfreudiger Schmuck - und Andenkenhändler aus Athen. Dazu kommen clevere Immobilienhändler, die wie Geier ihre Kreise um Hydra immer enger ziehen und sich ihre fette Beute sichern. Kein Haus, keine Hütte, auch nicht die letzte Bruchbude ist in Hydra mehr unter ein paar Hunderttausend Mark zu haben. Die Schönheit der Landschaft der Zauber des Hafens wird total vermarktet. Fähren voll mit Tagesausflüglern und Bustouristen stehen Schlange vor der kleinen Hafeneinfahrt und ergießen, wenn die dann an der Reihe sind, Ströme von Menschen in die engen Gassen des Ortes, wo die Aufreißer der Neppläden und der Billigrestaurants schon gierig auf sie warten. Am späten Nachmittag dann das umgekehrte Spiel: Ungeduldig hupt die Fähre, um alle die wieder an Bord zu nehmen, die in der Zwischenzeit für ein qualitativ schlechtes Essen horrende Preise bezahlt, in irgendeinem Andenkenladen für Nippes zur Ader gelassen worden sind.

Gegen Abend leeren sich die Gassen wieder . Man hat seinen Reibach gemacht, die Geldgier ist befriedigt, zumindest vorübergehend und nur bis morgen, wenn neue Kühe zum Melken bereit stehen.

Gegen Abend gehört Hydra dann wieder den Wenigen, die geblieben sind: Fischern, Alten, Seglern und - Katzen!

"Hydra, wer es kennt, muß es lieben oder hassen!"

Die Worte stammen aus dem Mund eines österreichischen Kolumnisten und Romanciers, der hier auf Hydra seinen Lebensabend verbringt.

Was uns anbelangt, so tun wir beides.

Die Liebe überwiegt am Tage unserer Ankunft, wenn uns der Zauber der Insel wieder in seinen Bann schlägt.

Doch diese Liebe ist zur Kurzlebigkeit verdammt. Spätestens nach drei Tagen wenden wir uns ab, kehren diesem Szenario den Rücken, wo man ständig vor Augen gehalten bekommt, daß es immer nur um das Eine geht: Das Geld.

Hydra hat eine gewisse Dekadenz inne, wie es sie früher vielleicht einmal im alten Rom gegeben hat , fast symbolisch sozusagen.

Hydra - lebende, pulsierende, verführerische Schönheit - Dein Make-up ist nur eine marode Maske.

Leb’ wohl, Du Dirne des Mammons, bis zum nächsten Mal!