Nachtschwärmer

Lichter - unzählige Punkte. Manche fest, unveränderlich, andere in Bewegung, unstet, flackernd. Rote, grüne, weiße Tupfer im Blauschwarz der Nacht.

Das Glitzern des sternenbestäubten Firmaments spiegelt sich im Phophorfeuer des Kielwassers. Das schwache Rot der Kompaßbeleuchtung glimmt wie die Glut verlöschenden Lagerfeuers. Weit voraus gleitet eine Lichterkette vorbei - eine Fähre auf dem Weg zu den Inseln.

An Backbord der vertraute Blink von Ghaidouronissi, an Steuerbord die zwei Blitze von Akri Angalistros, irgendwo dazwischen müssen wir durch.

Da! Eine Sternschnuppe! Schnell was wünschen! Wieder eine Nacht voller Wünsche. Wenn nur die Hälfte davon in Erfüllung ginge...

Dort , neben dem Masttopp, ein Satellit. Wie ein Stern auf Wanderschaft.

Wohin er wohl zieht?

Im Nordwesten der helle Schein des Lichtermeeres von Athen, darüber das Blitzlicht eines landenden Düsenjets.

Grün schimmert der Radarschirm aus dem Niedergang hoch, wie ein mystisches Licht aus der Unterwelt, und doch so beruhigend. Über mir der weiß - grün angestrahlte Stander auf der Mastspitze - wir haben leichten Nordwestwind.

Segeln bei Nacht - wie lange ist das jetzt schon her? Viel zu lange!

Eine Frühsommernacht vor Kap Sounion.

Peregrin steuert sich allein durch die sanft wiegende Dünung, voll und bei am Wind.

Ich habe Zeit und Muße , meine Gedanken schweifen zu lassen, meiner Phantasie wachsen Flügel. Schwimmen wir, schweben wir, fliegen wir?

Meine Gedanken tauchen ein in das Meer, durch das wir segeln.

Die Ägäis, der Palast Poseidons, jenes allmächtigen Wassergottes mit dem Dreizack, dessen Launenhaftigkeit wir heute morgen noch mit einem guten Schluck zu besänftigen suchten.

Wieviele Schiffe sind hier schon gekommen und gegangen?

Wieviele Katastrophen, Kriege, Beben, Stürme haben sich hier schon ereignet?

Hier wurde die Kultur unseres Erdteils aus der Taufe gehoben, hier wurden Geschichte und Geschichten geschrieben von Größen wie Alexander, Hannibal, Dschingis Khan und Cäsar, hier entstanden und vergingen Weltbilder, Staatsformen und Philosophien.

Aus dem Chaos zu Anfang schufen die Götter eine wachsende Ordnung, in der Zeus, der Übergott wütete und waltete.

Hier war der Schauplatz zahlreicher Tragödien und Komödien um hellenische Hirten und Helden.

Die griechischen Inseln - sind es 2000 , oder 4000?

Hat sie überhaupt jemals ein Mensch gezählt? Die Kykladen, im Kreisrund des Beckens wie Würfel dahingeworfen, ein glücklicher Wurf aus der Hand der Götter!

Wind , Wasser und Wellen haben sie geformt, haben sie gestreichelt und geschliffen, ihnen ihre heutige Form gegeben. Und der Mensch, jener unsäglich kleine Wurm, verglichen mit der Kraft und Größe der Elemente, er hat sie besiedelt, hat sie in Besitz genommen, ist wieder vertrieben, ausgelöscht worden durch Katastrophen, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Flutwellen. Er hat sich selbst durch Kriege, Überfälle, Gemetzel dezimiert, und hat es trotzdem immer wieder geschafft, mit bemerkenswerter Zähigkeit, zu überleben, neu anzufangen, wieder aufzubauen, neue Kulturdenkmäler zu schaffen, die bis heute überdauern. Doch wie lange noch?

Wie klein und unbedeutend komme ich mir vor hier in meiner kleinen Nußschale, bei der Vorstellung, wer hier schon alles vor mir in diesen Gewässern unterwegs war.

Und dennoch, wie groß und weit dehnt sich mein Inneres, meine Seele, beim Erleben dieses nächtlichen , ägäischen Zaubers!

Er hat etwas ganz besonderes, dieser Teil der Welt, etwas, was auch die großen Persönlichkeiten, die hier lebten und wirkten, gespürt haben müssen, und was sie inspiriert hat: Aristoteles, Homer, Platon, Hippokrates.

Sie alle müssen sie gefühlt haben, die Aura dieses Meeres, dieser Landschaft, dieser Inseln, diese geheimnisvolle Kraft, die sich manchmal auch auf einige wenige Sterbliche überträgt.

Eine mondlose Nacht. Nur das fahle Licht der Sterne läßt die Umrisse der Tempels auf Kap Sounion erahnen.

Wenn Steine reden könnten! Wieviele Opfer, wieviel Blut haben sie schon gesehen? Was hat sich innerhalb dieser Säulen im Laufe der Jahrtausende schon alles abgespielt? Mein Gott, was für eine Zeitspanne, welche Ewigkeiten im Vergleich mit einem Menschenleben.

Und das Meer? Wieder das Meer!

Ist es wirklich salzig von den vergossenen Tränen der vielen Zurückgebliebenen, der Mütter, der Kinder, die geweint haben über den Tod der tapferen Krieger, der Väter , der Söhne, die in den Schlachten um und auf diesem Meer gefallen sind, oder auch die Familien der unzähligen Fischer, die nie mehr vom Fang zurückgekehrt sind, der Taucher, die die Tiefe verschluckt hat für immer?

Leben ist Wandel, "Metamorphosis" wie der Grieche sagt, und gerade hier ist Anfang und Ende, Leben und Tod, Glück und Leid so dicht beieinander wie sonst kaum wo. Alles ist in Bewegung, im Fluß, "panda rhei", in ständiger Verwandlung und Umgestaltung.

Kein Tag ist wie der andere, jede Insel hat ihr eigenes Licht , jeder Abend bringt ein neues Spiel der Farben, jede Küste hat einen eigenen, unverwechselbaren und immer wieder neu erregenden Duft.

Aus dem flirrenden Horizont lösen sich neue Formen, Umrisse, alte zerschmelzen und vergehen im gleißenden Glanz der Meeres. Inseln sind nicht einfach da, Inseln werden geboren, sagt der Grieche.

Ein Dichter fällt mir ein, Odysseas Elytis, er schreibt:

"Obwohl es Asiens Spitze antastet und sich an Europas Anfang lehnt, schwebt das Land weit zwischen Lüften und Meeren!"

Auch ich schwebe weiter durch die Nacht, bis auch sie vergeht, sich das Dunkel wandelt in den Glanz eines neuen Morgens über der Ägäis.