Und ewig singen die Wanten

Es sind diese Nächte, in denen ich meinen leichten Schlaf verfluche.

Ich liege wach und frage mich, wie andere bei dem Getöse, das Poseidon gerade mal wieder veranstaltet, seelenruhig schlafen können.

Was, wenn jetzt wirklich einmal schnelles Zugreifen erforderlich wäre?Aber so ist es eben – den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. Diesen gebenedeiten Seglerseelen passiert nie was! Die können sogar schlafend durch die Straße von Messina driften und landen höchstens, sanft abgefendert, längsseits an einer sich erbarmenden Schifferseele.

So liege ich denn in meiner Koje und lausche dem Getöse.Mehr bleibt mit auch gar nicht übrig, würde ich mit Oropax in die Ohren stopfen, dann hörte ich überhaupt nichts mehr – auch nicht das , was ich vielleicht besser hören sollte...

Alles, was ich für die Sicherheit des Schiffes tun konnte, habe ich getan.Trotzdem klingt in mir eine Stimme..

Ich kämpfe. Ich weigere mich, wieder so eine schlaflose Nacht hinzunehmen.Soll ich jetzt aufstehen? Alles nochmal kontrollieren? Umsonst?

Draußen hackt es aus Nord. Wieviel Tage schon? Drei? Sechs?

Was ist, wenn jetzt der Anker slippt? Wann habe ich eigentlich zuletzt das Radar überprüft?Ich wälze mich herum und fahre in Gedanken neue Ankermanöver.

Irgendwann gegen Morgen schlafe ich dann doch ein, in einer der dann etwas länger dauernden Pausen des Windes. Im Traum höre ich meinen Anker über eine Geröllhalde poltern.Ich schrecke hoch. Ich habe das Gefühl, gerade eingeschlafen zu sein, und doch beweist mit ein Blick zur Uhr, daß ich mehr als zwei Stunden geschlafen habe.Verdammt, aber dieser Traum, dieses Rasseln, habe ich das nur geträumt?Ich lasse mich wieder zurücksinken. Nur geträumt, wahrscheinlich alles in Ordnung.

Doch halt! Da ist es wieder das Geräusch!Unverkennbar Eisen auf Stein. Das war kein Traum! Das Schiff bewegt sich, obwohl es das eigentlich nicht dürfte!Ein Blick zur Seite. Claudi schläft friedlich.Bilde ich mir das doch nur alles ein? Spielt mir meine überreizte Phantasie einen Streich nach den vielen zermürbenden Meltemitagen?

Wieder ein lautes Rumpeln! Kein Zweifel mehr! Adrenalinstoß!!

Ich springe in die Shorts und ins Cockpit.Wo ist der verdammte Motorschlüssel??

Noch schlaftrunken blinzele ich in die Runde. Eine üble Ahnung überfällt mich.Tatsächlich! Mein Nachbar hat mich auf den Haken genommen!Ein Frühaufsteher, der glaubt, daß er um diese Zeit dem Meltemi entkommen kann, hat sich mein Eisen gefischt!Noch hat er es nicht gemerkt, wird es aber bald.Mir bleibt nichts weiter zu tun, als den Motor zu starten und abzuwarten, bis er das ungewollte Reitgewicht abgeworfen hat.Sch..., mein Anker war so schön eingefahren!

Da, jetzt holt er ihn mit hoch!

So eine Powerankerwinde würde ich auch gerne haben. Gestikulierende Ehefrau im Bugkorb. Er kommt mit dem Bootshaken gerannt. Anfänger! Damit schafft er das doch nie, den wirft er höchstens hinterher.

Irgendwie schafft er es doch, und mein CQR klatscht vor meinem Bug wieder ins Wasser. Unbeholfene Entschuldigungen. Ich nehme sie achselzuckend zur Kenntnis, kenne das schon, ist jetzt schon das dritte Mal in dieser Bucht. Außerdem ist es für Zornesausbrüche noch viel zu früh, bringt gar nichts, sich aufzuregen.

Neues Ankermanöver – same procedure as last morning!

Seglerallnacht in irgendeiner Bucht, auf irgendeiner Insel, irgendwo in der Ägäis.

Sommerzeit – Meltemizeit. Meltemi – wie lange schon?

Drei Tage, sechs Tage, neun Tage? Nein, heute werden es elf Tage! Konstant 8 Beaufort, morgens etwas weniger, nachmittags etwas mehr.

Zeit zum frühstücken.

Wenn man Glück hat, ohne weitere Störungen, vorausgesetzt man hat keine weiteren Nachbarn um sich herum, die die morgendliche Windpause falsch interpretiert haben und weiter segeln wollen – meistens voll rein in die Sch..wierigkeiten.

So nach drei Stunden kommen sie dann meistens zurück. Durchnäßt und völlig fertig. Manche noch im T-Shirt und Shorts, das Wetter war doch so toll heute morgen!

Wenn sie Glück haben, ist weiter nichts passiert.

Andere haben weniger Glück.

Sie kommen zurück mit zerfetzten Segeln, angeknacksten Wanten, Wasser in der Bilge. Wunden werden geleckt, Tränen getrocknet, Schäden behelfsmäßig repariert.

Wohl denen, die keine festen Termine einhalten müssen , aber das sind die wenigsten. In zwei Tagen muß das Schiff wieder abgegeben werden und man sitzt hier noch im Süden der Kykladen fest!

Da bleibt dann nur noch die Wahl zwischen Gewalttörn und Fähre!

Aber diese Blöße, die man sich da geben würde, wenn man ohne Schiff in der Basis ankäme, und dieser Erklärungszwang!

Wir haben Chartercrews erlebt nach solchen Parforceritten unter Stützsegel und Maschine. 24 Stunden gegenan durch die sturmgepeitschte Ägäis!

Die Leute sahen aus wie nach einer Antarktisdurchquerung. Weiße Salzkristalle bedeckten Ölzeug, Bärte, Brauen und Backen. Die Crew bewegte sich nur noch wie in Trance, zeitlupenhaft, kaum zu einem Wort fähig – Segelspaß ade.

Ferienzeit – Meltemizeit. Man hat Sonne gebucht. Wärme, Baden, Wohlbefinden.

Die schönsten Wochen des Jahres. Leichte Klamotten, leichtes Gepäck, das schwere Ölzeug bleibt zu Hause im Schrank.

Viele holen sich dabei einen argen Schnupfen oder gar Schlimmeres, weil sie den sogenannten "Chill-Faktor" vergessen, jene Kälte, die verdunstendes Wasser erzeugt, und die bei Windeinwirkung nochmals um ein vielfaches verstärkt wird. Gischtbespritzt, dem Wind ausgesetzt, nur mit kurzer Hose und Hemd bekleidet, ohne Kopfbedeckung - eine starke Unterkühlung binnen kürzester Zeit ist das Resultat.

Doch welcher Sommerurlauber geht schon mit Schwerwetterzeug und Pudelmütze zum Segeln nach Griechenland?

Meltemi, und kein bißchen Ruhe.

Im türkischen Sprachgebrauch ist er, der Wind, eigentlich eine "Sie", "ein untreues , böses Weib", das mit den armen Seefahrern ihren Schabernack treibt und sie nicht zur Ruhe kommen läßt.

Viele Winde legen sich abends schlafen - der Meltemi nicht, im Gegenteil!

Nachts wacht er erst so richtig auf, legt oft sogar noch etwas zu. Und genau diese Eigenschaft ist es, die so manchem Skipper zu schaffen macht, weil er um seine Nachtruhe gebracht wird. Ein oder zwei Nächte mag man das ja noch wegstecken, aber war darüber hinausgeht....

Wohl denen, die während des Meltemis in einem sicheren Hafen liegen. Möglichst noch mit Landleinen in Luv. Nur, bläst er erst einmal, dann ist es nicht so einfach, in einen solchen Hafen zu gelangen!

Versucht man in Lee einer Insel den Hafen anzulaufen, so können einem unter Umständen heftige Fallböen das Einlaufen unmöglich machen. Diese brutalen Fallwinde, die ohne weiteres nochmals zwei Windstärken mehr aufweisen können, als der auf See herrschende Wind, knüppeln aufs Schiff nieder und zwar tatsächlich in vertikaler Richtung!

Sie bringen die See zum Kochen und erzeugen einen sehr steilen Seegang, durch den man nur mit Motorkraft und Stützsegel durchkommt - wenn man Glück hat und eine starke Maschine.

Meltemi - Wind der Götter, Wind des Lichts!

Unwirklich, ja fast überirdisch gleißt es über dem Horizont.

Hat man je Gelegenheit , zwischen all den Konzentration und Kondition erfordernden Manövern mal zum Horizont zu schauen, so erblickt man das, worum sich hier Legenden ranken.

Ein irisierender Schimmer - Licht aus sich selbst geboren - die Sonne in sich aufnehmend, sie sogar überstrahlend. Meer und Horizont verschmelzen im blendenden Glitzer aus Gischt und Glanz.

Die Konturen der Inseln werden zur Fata Morgana. Die Farben bekommen eine andere Qualität, werden undefinierbarer. Blau und Weiß schmerzen in den Augen, ohne Sonnenbrille nicht auszuhalten.

Über alles übt der Wind seine Macht aus.

Sie reicht weit hinein und lange zurück ins Leben der Inselbewohner.

Diese haben gelernt, ihre Gewohnheiten an die Naturgewalten anzupassen. Die Menschen leben auch heute noch vom Fischfang und errichten ihre Häfen überwiegend an den Leeküsten oder in geschützten Buchten. Falls überhaupt möglich, so wird Obst, Gemüse und Getreide in einigen wenigen versteckten Tälern angebaut, wo der Wind ihnen nicht gleich die Saat aus der Furche blasen kann. Trotzdem reicht dies kaum für den täglichen Bedarf und ist stark von dem Vorhandensein von Wasser abhängig - ein kostbares Gut auf den Kykladen.

Nicht zuletzt ist auch die Bauweise der Häuser auf den Kykladen eine Anpassung an die windigen Verhältnisse. Die kubische Form bietet dem Wind weniger Angriffsfläche als ein Gebäude mit vielen Erkern, Giebeln oder Balkonen, und darüber hinaus gibt es die Möglichkeit auf seinem Flachdach Wasser zu sammeln und in Zisternen abzuleiten - ein ganz wesentlicher Aspekt dieser Architektur.

Wenn der starke Atem des Meltemi es will, dann ruht auch der Fährverkehr.

Ab einer bestimmten Windstärke und -dauer können und dürfen einige Kykladeninseln nicht mehr angelaufen werden. Entweder lassen die Fallböen ein Manövrieren nicht mehr zu, oder es gibt keine Anlegestelle mit genügendem Schutz gegen den Schwell.

Wir waren Zeuge, was passiert, wenn ein Fährkapitän es trotzdem versucht.

So ein Riesenkahn bietet natürlich auch eine wesentlich höhere Angriffsfläche und so bekam jene Fähre durch die heftigen Böen regelrecht Schlagseite, als sie in den Hafen einlief und sich dem Fähranleger nähern wollte.

Trotz aller Vorsicht des Steuermanns und dem Einsatz der 4000 PS seiner Maschinen - der Wind war stärker!

Wie von einer Riesenfaust gepackt wurde die Fähre mit der Breitseite gegen die Mole gepreßt - noch dazu an eine Stelle, wo sie eigentlich nichts zu suchen hatte.Es gab ein häßliches Knirschen, als Stahl und Stein aufeinander trafen und zwei Fischerkaikis wurden zwischen Rumpf und Mole zu Kleinholz verarbeitet.Das Geschrei der erschrockenen Zuschauer, der wütenden Fischer und der hilflosen Besatzung übertönte sogar die Windgeräusche für kurze Zeit.

Nur der Geistesgegenwart des Kapitäns war es schließlich zu verdanken, daß das Drama nicht zur Tragödie wurde.

Unter geschicktem Einsatz seiner vollen Maschinenkraft und unter völliger Vernachlässigung seines Rumpfanstriches kam er von der Mole frei.Die Strömung , die seine Schrauben im Hafen verursachten, glich der eines reißenden Gebirgsbaches. Die Fähre machte keinen zweiten Anlegeversuch. Auf der Mole eine wild gestikulierende Menschenmenge zurücklassend suchte sie schleunigst die offene See zu erreichen.

Uns wurde nach diesen Erfahrungen erst richtig bewußt, welches Glück wir mit der Zeiteinteilung hatten. Auf unserer Route sozusagen schon "über den Berg" zu sein, das hieß also, dem Meltemi im Rücken zuhaben , war ein wesentlicher Vorteil für unsere weitere Törnplanung.

Mit dem Meltemi von achtern kann man mit viel Vorsicht und wenig Tuch wunderbar ablaufen und muß nur aufpassen, rechtzeitig die Kurve zu kriegen in die richtige ( ! ) Bucht.

So faßten wir uns also nach Tagen des Wartens auf Oinoussai ein Herz und liefen aus.

Wind NW 6 – 7 , wenig Welle in Abdeckung der Insel, Genua im 2. Reff, Kurs SSE, 6 Knoten auf der Logge – wunderbar! Das Singen in den Wanten klang auf einmal wie ein aufmunterndes Lied.

Unser Tagesziel war Çesme. Zum ersten Mal wollten wir den Grat in Richtung Osten überqueren , türkische Gewässer befahren, türkischen Boden betreten. Neugierig, was uns erwartete, gingen wir auf "Annäherungskurs Ost".